20.01.2021 / Artikel

Die Biden-Ära: Wieso Spalter nicht mehr mehrheitsfähig sind

Von Florian Meidenbauer

 

Die Amtseinführung von Joseph „Joe“ Biden als 46. Präsident der USA ist mit der Hoffnung verbunden, dass damit die Zeit des Spaltens endet. Und auch hierzulande zeigt sich immer deutlicher: Wer mit seinen Botschaften gesellschaftlich anschlussfähig sein will, muss über den Tellerrand kurzfristiger Aufmerksamkeit hinausblicken.

Die Zeit Donald Trumps, dem polternden Scharfmacher, ist vorbei. Ihm folgt Joe Biden mit versöhnlichen Tönen als einender Staatsmann. Verdankte sein Vorgänger vor vier Jahren seinen Wahlerfolg einer Debattenkultur, die auf Spaltung, Hass und markige Worte setzte, so wurde ihm dieselbe nun zum Verhängnis.

Nach vier Jahren, in denen Chaos und Polarisierung dominierten, will eine Mehrheit der US-Amerikaner wieder ein Mindestmaß an Verlässlichkeit und Vertrauen im Weißen Haus. Und so ist es gerade der Kontrast in Bidens kommunikativer Haltung, mit der er die Wahl zum US-Präsidenten deutlich gewinnen konnte.

Kommunikatoren und Public-Affairs-Profis sollten daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Sicherlich mögen Ellbogenrhetorik und markige Zitate auch weiterhin kurzfristige Aufmerksamkeit bringen. Denn diese Art der Kommunikation passt perfekt zur Architektur von Plattformen wie Facebook und Twitter, die einer rigorosen Aufmerksamkeitsökonomie folgen. Doch langfristig lässt sich daraus kein Erfolg ableiten oder Vertrauen bilden. Zeigte sich doch zuletzt auch hierzulande, dass bei der Wahl des neuen CDU-Vorsitzenden nicht der meistzitierte, sondern am klügsten-positionierte Kandidat das Rennen machte.

Wie eine Wahl, so ist auch Kommunikation ein Wettbewerb: um Aufmerksamkeit, aber auch um Kunden, Investoren, Mitarbeiter und um gesellschaftliche Akzeptanz. Dieser Wettbewerb lässt sich jedoch nicht mit der Maxime gewinnen, „was bisher nicht geholfen hat, verdoppeln wir in der Dosis.“ Auch dann nicht, wenn Kommunikatoren oder politische Akteure gelegentlich diesen hilflosen Eindruck vermitteln wollen und via Twitter verbal immer unbarmherziger auf ihre Diskursgegner einprügeln. Das ist vor allem in Zeiten schädlich, in denen sich das Zielpublikum nach Glaubwürdigkeit und einer nachhaltigen Vision für die Zukunft sehnt.

Fest steht: Auch im deutschen Superwahljahr 2021 stehen enorme gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen bevor. Trotz anlaufender Impfkampagne werden die Corona-Pandemie und ihre Folgen auf absehbare Zeit das alles beherrschende Thema bleiben. Megatrends wie der Klimawandel und politische Spannungen in der EU sowie zwischen den Supermächten China und USA sorgen für weitere Unsicherheit. Wer in diesem Umfeld mit seinen Themen anschlussfähig bleiben will, muss glaubhaft darlegen können, nutzbringend an einer Lösung der Herausforderungen mitzuarbeiten.

Ein entsprechendes Botschaften-Set muss mit Fakten unterfüttert und durch konkretes Handeln belegt werden. Auch dazu liefert Bidens Kommunikation ein passendes Beispiel: Sein Presseteam will sich von der Arbeit seiner Vorgänger bewusst abgrenzen und verspricht ein professionelles Verhältnis zu Journalisten zu pflegen.

Darüber hinaus muss in der Kommunikation aber auch der richtige Ton getroffen werden. So stehen die Kommunikatorinnen im Weißen Haus nun vor der Herausforderung, ihre Stories mit Leidenschaft und Mut zur Meinung zu erzählen. Hier wäre ihnen gut geraten, auch nach der Wahl nicht der Verlockung von Klicks und Interaktionen durch Konfrontation nachzugeben, sondern die Meinung der anderen auszuhalten. Auch das krasse Gegenteil, glatt geschliffene und aussagelose PR-Worthülsen, ist nicht empfehlenswert.  

Nur Akteure, welche die gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft annehmen, betonen und glaubwürdig umsetzen, haben eine Chance im Jahr 2021 kommunikativ zu bestehen und das Vertrauen ihrer Zielgruppe zu gewinnen. Denn die Welt sehnt sich nach gesellschaftlich anschlussfähigen Brückenbauern – die Zeit der Spalter und schlechten Verlierer ist vorbei.

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Oder heißt es auch 2021: Augen zu, Ellbogen raus und durch? Sprechen Sie mich gern jederzeit dazu an. Ich freue mich auf Ihr Feedback.