11.02.2026 / Artikel

Interview mit Volker Brennecke: Frühe Öffentlichkeitsbeteiligung als Schlüssel zur Akzeptanz

Wenn es darum geht, bei anspruchsvollen Technik- und Infrastrukturprojekten durch kluge Planung und Kommunikation am Ende Akzeptanz zu gewinnen, führt an seinem Namen kaum ein Weg vorbei: Dr. Volker Brennecke. Viele Jahre war er beim VDI für das Themenfeld “Gesellschaft und Technik” verantwortlich und hat unter anderem die Richtlinie VDI 7000 zur frühen Öffentlichkeitbeteiligung initiiert und geprägt. Als Senior Advisor verstärkt er unser Team – mit tiefem fachlichem Know-how, strategischem Blick und viel Erfahrung im Umgang mit kritischen Stakeholdern. Im SKM-Interview spricht Dr. Brennecke darüber, was ihn an der Beratung interessiert, was Dialog und Beteiligung heute leisten müssen und welche Impulse er für unsere Mandanten setzen möchte.

Herr Dr. Brennecke, was hat Sie persönlich motiviert, sich nach vielen Jahren beim VDI als Senior Advisor in der Beratung zu engagieren?

SKM Consultants habe ich bereits vor über zehn Jahren durch die frühe Öffentlichkeitsbeteiligung eines sehr erfolgreichen Infrastrukturvorhabens kennengelernt. Besonders die strategische Perspektive auf die Projekte neben der kommunikativen fand ich bei SKM immer interessant. Ich halte sie auch für besonders wichtig – darin unterscheidet sich SKM von reinen Kommunikationsberatungen. 

Beim VDI habe ich mich viele Jahre mit dem Dialog zwischen Technik und Gesellschaft befasst. Zuletzt als Head of Public Affairs habe ich neue Strategien und Dialogformate zwischen Industrie und Wissenschaft auf der einen und Politik und Gesellschaft auf der anderen Seite entwickelt und umgesetzt. Alle Themen wurden von kritischen Stakeholdern begleitet. 

Nach der aktiven Phase im Job war mir der Ruhestand etwas zu “ruhig”. Ich bin von SKM gefragt worden, ob ich meine Erfahrungen nicht in praktische Projekte und neue Strategieangebote einbringen möchte. Die Rolle als Senior Advisor ist für meine aktuelle Lebensphase genau die passende Herausforderung. 

Welche Rolle spielen Stakeholder Engagement und frühe Öffentlichkeitsbeteiligung in komplexen Veränderungsprozessen? 

Industrie, Gesellschaft und Politik stehen vor tiefgreifenden Veränderungsprozessen, deren Treiber nicht selten technologische Entwicklungen sind. Die großen Transformationsprozesse wie zum Beispiel die Energiewende, das Verkehrssystem oder die Circular Economy ziehen viele neue Industrie- und Infrastrukturprojekte nach sich. Leider werden die politische Regulierung und die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Projekte immer komplexer. Der Diskurs gerade in verunsicherten Gesellschaften wird für Industrie und Politik eine immer größere Herausforderung. Durchwinken war gestern. Genehmigungsverfahren werden aufgrund ungeklärter Konflikte immer länger. 

Genau hier wird frühe Öffentlichkeitsbeteiligung relevant: Transformations- und Planungsprozesse von Industrie- und Infrastrukturprojekten können durch Dialog bewältigt werden. Denn wenn Kommunikation und Beteiligungsformate wie Werkzeuge eingesetzt werden, um Komplexität und Konflikte zu bearbeiten, dann sind sie auch erfolgreich. Die strategisch geplante Einbindung der relevanten Stakeholder – also ein straffes und zielgerichtetes Stakeholder Engagement – ist die einzige Chance, mit dieser Komplexität effektiv umzugehen. 

Sie gelten als ausgewiesener Experte für Stakeholder Engagement und neue Dialogformate. Wie hat sich dieses Feld in den vergangenen Jahren verändert – und welche Entwicklungen beobachten Sie aktuell mit besonderem Interesse?

Ich fand es immer spannend, Brücken zwischen Industrie, Wissenschaft, Politik und NGOs aufzubauen. Heute ist die Sensibilität der Ingenieurinnen und Ingenieure, der Industrieunternehmen und ihrer Verantwortlichen im Management und in den Wissenschaften erheblich gewachsen. Da hat sich im Mindset viel verändert. 

Verändert hat sich sicher auch der Populismus in der öffentlichen Kommunikation und die Bereitschaft mancher Gruppen zur Eskalation. Sachlich fundierte Debatten zu führen, wird auf der öffentlichen Bühne immer schwieriger. Anders sieht es aus, wenn Dialogformate gewählt werden, die im direkten Austausch Problemlösungen suchen – die nicht nur technisch und wirtschaftlich Sinn machen, sondern auch gesellschaftlich akzeptiert werden. 

Sie haben die Richtlinie VDI 7000 initiiert und maßgeblich an ihr mitgearbeitet. Welche Kernbotschaft sollten Unternehmen und Vorhabenträger aus dieser Richtlinie unbedingt mitnehmen, bevor sie (kontroverse) Vorhaben planen?

Die Kernbotschaft ist: Öffnen Sie Ihre Planungsprozesse zu einem Zeitpunkt, bei dem Sie auf Stakeholder proaktiv zugehen können und deren Fragen, Bedenken und Wissen noch in Ihrer Planung berücksichtigen können. Wenn Sie Ihr Projekt offensiv, transparent und verständlich vorstellen und den frühen Dialog vor Ort suchen, verbessert das Ihre Planung, löst Konflikte und beschleunigt so das gesamte Verfahren. Wenn Sie erstmal im Erörterungstermin sind oder sogar vor Gericht stehen, können Sie nicht mehr viel tun, um Eskalationen zu vermeiden. 

Die frühe Öffentlichkeitsbeteiligung wird zuweilen erst dann ernst genommen, wenn der Widerstand schon groß ist. Wie gelingt es Organisationen, Beteiligung und Dialog frühzeitig und glaubwürdig in ihre Projektplanung zu integrieren?

Man kennt es aus vielen Lebenslagen, dass der Problemdruck erst einmal richtig hoch sein muss, bevor man etwas tut. Nun leider ist es dann oft zu spät. Wenn man allerdings früh die Notwendigkeit erkennt, dann ist der Aufwand erheblich geringer und kann in vorhandene Routinen eingebaut werden. Letztlich geht es auch bei der frühen Öffentlichkeitsbeteiligung darum, sie in vorhandene Routinen des Projektmanagements einzubinden.

Zu jedem modernen Projektmanagement gehört auch ein vernünftiges Stakeholder Management. Genau deshalb wurde eine Richtlinie erstellt, um frühe Öffentlichkeitsbeteiligung in der Planung als professionellen Standard zu etablieren. Am Ende des Tages stellt sich aber immer die Frage, wie wichtig es einer Geschäftsleitung ist, die Risiken von Projektverzögerungen oder sogar Projektstopps durch Klagen frühzeitig einzudämmen oder ganz zu vermeiden. Wenn ein Unternehmen bereits von Beginn an in den Austausch mit Stakeholdern tritt, dann wird diese Dialogbereitschaft als glaubwürdig wahrgenommen. SKM dabei zu helfen, Unternehmen frühzeitig bei diesem Prozess zu unterstützen, finde ich eine lohnende Aufgabe.

Viele unserer Mandanten ringen damit, komplexe Technik- und Regulierungsthemen so zu vermitteln, dass echte Verständigung und Vertrauen entstehen. Wenn Sie auf Ihren eigenen Weg schauen: Was war Ihr größtes Learning dabei?

Das größte Learning war sicher, immer wieder den Kontakt zu anderen Denkweisen und Perspektiven zu suchen und herauszufordern. Man sollte sich regelmäßig aus der eigenen gedanklichen Komfortzone herausbewegen – sonst wird diese Zone immer kleiner. Mir hat es geholfen, dass ich zwei disziplinäre Wurzeln habe, also gelernter Techniker und studierter Politikwissenschaftler bin. 

Heute glaube ich, dass professionsbezogene Silos eine wesentliche Ursache für die mangelnde Strategie- und Dialogfähigkeit gerade bei komplexen Technik- und Regulierungsthemen sind. Ingenieure, Juristen oder Kommunikatoren sprechen alle eine eigene Sprache und definieren aufkommende Probleme meist nur durch die Brille ihrer eigenen Profession. Probleme lassen sich aber nicht in unabhängig voneinander agierende disziplinäre Befassungen aufspalten. Konkret heißt das: Ingenieure oder Juristen oder Kommunikatoren können keine Alleinvertretung beanspruchen, sondern sollten sich jeweils auf die Perspektiven der anderen einlassen. Dafür bedarf es einer übergreifenden Strategie. Dass solche heute zunehmend nachgefragt werden, hat mich zu SKM gebracht.

Stellen wir uns vor, wir sprechen in einem Jahr wieder: Woran sollten unsere Kundinnen und Kunden merken, dass Sie als Senior Advisor an Bord sind – und welche ersten Impulse möchten Sie bis dahin unbedingt gesetzt haben?

Wenn es uns bei SKM gelingt, diese Strategie so zu vermitteln, dass Mandanten einen Mehrwert erkennen, dann haben wir viel geschafft. Unternehmen lassen sich von vielen Seiten beraten. Ingenieurbüros beraten technisch, Rechtsanwälte juristisch und wir eben kommunikativ. Doch daraus muss für Unternehmen ein Gesamtbild entstehen. Genau an dieser Stelle schafft gute strategische Kommunikation einen übergreifenden Rahmen – und genau dabei möchte ich helfen.

Sie interessieren sich für das Themenfeld der frühen Öffentlichkeitsbeteiligung?

Ich freue mich auf den Austausch.