11.06.2026 / SKM diskursiv

Warum die Energiewende eine neue Erzählung braucht

Europa wird ein weiteres Mal von seiner fossilen Abhängigkeit eingeholt. Nach dem Beginn des Ukrainekriegs 2022 hat die Eskalation im Nahen Osten seit dem Frühjahr 2026 erneut für Unruhe an den Energiemärkten gesorgt. Preise bleiben volatil, Märkte stehen unter Druck, Unsicherheit nimmt zu.

Was sich 2022 bereits abzeichnete, ist heute unübersehbar: Der Diskurs über die Energiewende verschiebt sich. Weg von einer vor allem klimapolitischen Begründung hin zu einer Sicherheits- und Standortfrage.

Für Energieunternehmen heißt das: Sie müssen die Energietransformation neu denken – und neu erklären. Sie müssen einordnen, was gerade passiert, welche Folgen absehbar sind und wie belastbar der Fortschritt beim Ausbau der erneuerbaren Energien tatsächlich ist. Vor allem aber müssen sie glaubwürdig zeigen, welche Rolle sie in diesem Wandel einnehmen.

Ein neues Narrativ der Energiewende?

Seit Jahrzehnten folgt Energiepolitik einer bewährten Formel: Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit, Klimaschutz. Das energiepolitische Zieldreieck1 ist kein neues Konzept. Neu ist, wie es im politischen Diskurs gewichtet wird.

Robert Habecks Amtszeit folgte einem klaren Kompass: Der Klimaschutz sollte vorankommen. Der Ausbau erneuerbarer Energien wurde beschleunigt, klimafreundliches Heizen politisch vorangetrieben, Wasserstoff als Schlüssel für die industrielle Transformation verankert. 

War die Energiewende unter Habeck vor allem ein politisch zu beschleunigender Aufbruch, erscheint sie unter Amtsnachfolgerin Katherina Reiche als ein ökonomisch und systemisch zu organisierender Umbau. 

Seit Mitte 2025 zeichnet sich somit eine energiepolitische Neujustierung ab. Machbarkeit, Realismus und Kosten rücken in den Vordergrund. Reiche selbst spricht von einem "Realitätscheck der Energiewende". Ihr FAZ-Gastbeitrag vom April 20262 hat die Verschiebung weiter zugespitzt. Im energiepolitischen Dreieck gewinnen damit vor allem Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit an Gewicht. 

Doch spätestens in den vergangenen Monaten ist sichtbar geworden, dass die neue Realität nicht mehr in die klassischen Koordinaten des Energiedreiecks passt.

Geopolitische Spannungen, volatile Preise und Angriffe auf kritische Infrastruktur verschieben erneut den Maßstab. Auf einmal geht es nicht mehr nur darum, ob Energie ausreichend, bezahlbar und klimaneutral verfügbar ist. Es geht ebenso um die Frage, ob das System Erschütterungen aushält. Ob es Krisen standhält. Ob es unter Druck funktionsfähig bleibt

Damit kommt eine vierte Dimension hinzu: Resilienz.3

Hat das energiepolitische Dreieck demnach ausgedient? Nein. Es geht vielmehr um seine Weiterentwicklung unter komplexeren Bedingungen. Genau hier zeigt sich die Verschiebung im öffentlichen Diskurs: Klimaschutz, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit müssen unter Bedingungen größerer Unsicherheit neu austariert werden.

Wer Klimaschutz vernachlässigt, verlängert die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und damit auch die Anfälligkeit für Preisschocks, geopolitische Risiken und neue Unsicherheiten. Langfristig schwächt das nicht nur die Versorgungssicherheit, sondern auch die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit. 

Gerade deshalb ist der Ausbau erneuerbarer Energien weit mehr als ein Klimaprojekt. Er ist eine strategische Antwort auf genau jene Krisen, die Europa derzeit erlebt. Wind- und Solarenergie sowie Elektrifizierung können dazu beitragen, die Abhängigkeit von fossilen Importen zu verringern und das Energiesystem robuster gegenüber geopolitischen Schocks zu machen. Voraussetzung ist allerdings, dass der Ausbau systemdienlich erfolgt: abgestimmt auf Nachfrage, Flexibilität, Speicher und Steuerung.

Umgekehrt gilt aber auch: Ein klimaneutrales Energiesystem wird politisch und gesellschaftlich nur tragfähig bleiben, wenn es bezahlbar, verlässlich und belastbar ist. Ohne wirtschaftliche Anschlussfähigkeit und ohne Versorgungssicherheit verliert Transformation ihre Akzeptanz.

Darin liegt die neue Logik der Energiewende. Nicht eine Dimension ersetzt die andere. Vielmehr geht es darum, Zielkonflikte sichtbar zu machen, Prioritäten abzuwägen und unter realen Bedingungen tragfähige Entscheidungen zu treffen.

Was das für die Kommunikation von Energieunternehmen bedeutet

Wenn sich die politische und gesellschaftliche Erzählung der Energiewende verändert, verändert sich auch die Kommunikationsaufgabe der Energieunternehmen.  

Denn Energieunternehmen stehen heute unter einem mehrfachen Erwartungsdruck. Sie sollen bezahlbare und verlässlich verfügbare Energie liefern, ihre Systeme krisenfest ausrichten und zugleich den Übergang in ein klimaneutrales Energiesystem vorantreiben. Die kommunikative Herausforderung besteht darin, diese Anforderungen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern zu einem überzeugenden Gesamtbild zu verbinden.

Drei Kommunikationsfelder, auf die es jetzt ankommt

1. Eine belastbare Erzählung, die über alle Ebenen hinweg trägt

Energieunternehmen müssen deutlich machen, wie Klimaschutz, Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Resilienz zusammenhängen – und warum ihre eigenen Projekte genau an dieser Schnittstelle relevant sind. Gefragt ist eine Erzählung, die Zielkonflikte aushält und Spannungen nicht beschönigt. Überzeugend wird eine solche Position allerdings erst, wenn sie sich belegen lässt: durch Investitionen, Partnerschaften, operative Fortschritte und nachvollziehbare Entscheidungen. Erst daraus entsteht eine konsistente Erzählung, die intern Orientierung stiftet und extern tragfähig ist. 

2. Unterschiedliche Erwartungen gezielt adressieren

Hinzu kommen unterschiedliche Erwartungen der zentralen Anspruchsgruppen. Die Politik verlangt Lieferfähigkeit, Krisenfestigkeit und perspektivisch auch Klimaneutralität bis 2045. Kundinnen und Kunden erwarten faire Preise und verlässliche Orientierung. Mitarbeitende suchen Sicherheit und Perspektive. Die Aufgabe der Kommunikation besteht darin, auf diese unterschiedlichen Erwartungen konsistente Antworten zu geben. Nicht jede Zielgruppe braucht dieselben Argumente, aber alle müssen dieselbe Richtung erkennen. Gute Kommunikation übersetzt die Strategie in die jeweilige Lebens- und Arbeitswirklichkeit ihrer Adressaten, ohne ihren Kern zu verändern.

3. Intern Klarheit schaffen

Die eigentliche Sollbruchstelle liegt oft im Unternehmen selbst. Wenn intern unklar bleibt, wohin die Reise geht, kann auch nicht stimmig nach außen kommuniziert werden. Führungskräfte müssen den Wandel erklären können. Damit Mitarbeitende neue Wege mitgehen, sollten Entscheidungen für sie möglichst nachvollziehbar werden. Interne Kommunikation ist deshalb kein Begleitformat, sondern ein strategischer Teil der Transformation. Erst wenn der Wandel im Unternehmen nachvollziehbar und anschlussfähig ist, wird er auch nach außen überzeugend.

Glaubwürdig wird, wer Spannungen sichtbar macht

Wer heute über Energiewende spricht, spricht immer auch über Zielkonflikte: Klimaschutz vs. Bezahlbarkeit. Versorgungssicherheit vs. Geschwindigkeit der Transformation. Investitionsdruck vs. unklare Rahmenbedingungen. Genau an diesen Spannungen entscheidet sich Glaubwürdigkeit. Ein belastbares Narrativ behauptet nicht, diese Konflikte ließen sich mühelos auflösen. Es macht transparent, wie ein Unternehmen sie einordnet, welche Prioritäten es setzt und woran Fortschritt konkret messbar ist.

Für die Kommunikation heißt das: weniger abstrakte Transformationsrhetorik, mehr belastbare Belege. Weniger Selbstbeschreibung, mehr strategische Einordnung. Und mehr Klarheit darüber, dass Energieunternehmen heute nicht nur ihre eigene Transformation erklären müssen, sondern auch ihren Beitrag zu einem zukunftsfähigen Wirtschafts- und Energiesystem.

Denn genau darin liegt die neue Erzählung der Energiewende: Sie ist längst mehr als ein Klimaprojekt. Sie ist ein Umbau des gesamten Energiesystems und damit eine Frage von Sicherheit, Bezahlbarkeit, Modernisierung und gesellschaftlicher Akzeptanz.

 

Quellen:

  1. ifo Institut: Das energiepolitische Zieldreieck und die Energiewende. https://hdl.handle.net/10419/165131
  2. Frankfurter Allgemeine Zeitung: Schluss mit der Selbsttäuschung in der Energiepolitik. https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/katherina-reiche-jetzt-ist-zeit-fuer-ernsthafte-energiepolitik-accg-200707552.html
  3. BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft: Resilienz im Energiesektor ganzheitlich denken – Resilienzstrategie entwickeln. https://www.bdew.de/presse/resilienz-im-energiesektor-ganzheitlich-denken-resilienzstrategie-entwickeln/

Neues Narrativ der Energiewende?

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